Nachbemerkungen zur "Ostgrenze"

Die „Orlagau-Ostgrenze“ - Nachbemerkungen zu meinem Beitrag von 1/2010

Von einigen historisch interessierten Lesern dieser Veröffentlichung bin ich kontaktiert worden, um mir ihre Ansichten und Überlegungen zum Verlauf dieser Grenze mitzuteilen. Natürlich habe ich nicht erwartet, dass meine Darlegungen von Jedermann akzeptiert werden können. Doch ist es wunderbar, wenn neue Aktivitäten ausgelöst wurden im Hinblick der noch immer umstrittenen Thematik. Sehr aktiv forschend und die vorhandene, ihm gut bekannte Geografie bewusst einbeziehend, zeigt sich Herr Klaus Franke aus Weida. Immer wieder ergeben sich lange, befruchtende Diskussionen und Telefonate. Äußerst interessant war auch ein erster Vortrag zur Thematik von Herrn Prof. Dr. H. Schmigalla im Okt. 2010 in Neustadt an der Orla. Auch er beschäftigt sich mit neuen Forschungen zum östlichen Grenzverlauf des Orlagaus und hat uns Hörer mit interessanten, ungewöhnlichen Überlegungen und Flurnamen-Definitionen vertraut gemacht. Eine Fortsetzung soll folgen und wird gespannt erwartet. Vergleicht man in Publikationen der letzten 15 Jahre die zahlreichen neuen wissenschaftlichen Untersuchungen bezüglich weltlicher und kirchlicher Territorien im frühen und späten Mittelalter und insbesondere zu den frühen Besitzern und Besitzungen im Orlagau sowie auch in den Territorien der Nachbarschaft, komme ich zurzeit noch zu keinem anderen Ergebnis bezüglich des Grenzverlaufes, wie bereits von mir beschrieben. Doch das will ich noch nicht als endgültig gelten lassen. Natürlich ist es wahrscheinlich, dass in dieser oder jener Ortsflur Korrekturen, Austausche oder Verkäufe erfolgt sind. Ich meine Flurstücks-Veränderungen oder Feldertausch, doch waren das wirkliche Ausnahmen, da die „Gemeine“ streng auf ihre angestammten Besitzungen achtete.
Wie kam es zu dieser noch immer nicht eindeutig geklärten Grenzbeschreibung aus dem Jahr 1071 und deren Verlauf hier in unserer Heimat? Schon in Ottonischer Zeit (919-1014) gehörte das „Land Orla“ (terra Orla), nicht gleichbedeutend mit dem späteren Territorialbegriff „Orlagau“, kirchlich zu dem Erzstift Mainz. Die weltliche Verwaltung erfolgte möglicherweise als Reichslehen durch die frühen edelfreien Sizzonen (von Sizzo und Günther), dem späteren Grafengeschlecht von Schwarzburg. Die Einen hatten die Aufgabe der Missionierung und Christianisierung, die Anderen die Aufgabe der weiteren Kolonisierung des vorwiegend sorbisch besetzten Landes. Ob es stimmt, dass ein Attribo von Schwarzburg in der Wünschendorfer St.-Veits-Kirche bei Weida bestattet wurde, sei dahin gestellt. Relativ sicher ist aber der Tatbestand, dass die Einflusssphäre des Erzbistums Mainz im „Land Orla“ ursprünglich bis zum Elstertal reichte. Wissenschaftliche Historiker sprechen diplomatischer von der „offenen Ostbegrenzung“ in der Zeit um die Jahrtausendwende.
Wer waren aber in diesem Reichsland die weltlichen Territorialherren? Meiner Meinung nach die ursprünglichen Grafen von Weimar nicht und noch lange nicht die Grafen von Lobdeburg und auch noch nicht die späteren Vögte von Weida. Sollten es doch die Sizzonen gewesen sein? Im Jahr 965 begründete Kaiser Otto I. der Große (912-973) die 3 Grenzmarken Merseburg, Zeitz und Meißen und 968 gleichbedeutend deren Bistümer, dem neu gebildeten Erzbistum Magdeburg unterstellt. Damit galt es natürlich, die jeweiligen Territorien und Besitzungen zu benennen. Das Bistum Zeitz, ab 1028 Naumburg, untergliederte sich in 4 Archidiakonate. Dazu zählte des Archidiakonat „Probstei Zeitz“ mit dem Elsterbezirk und unter anderem auch mit den Dekanaten Gera und Weida. Somit ergab sich eine Begrenzung der territorialen Einflussebene des Mainzer Erzstiftes und es verlagerte sich die „offene Grenzbestimmung“ im Osten des Landes "Orla“ in Richtung Westen, wie es die Urkunde vom Jahr 1071 wiedergibt. Trotz ihrer immensen Machtfülle musste sich das Mainzer Erzstift dem Willen des Kaisers beugen und Land freigeben. Verstimmungen, Streit und Intrigen zwischen beiden Machtzentren waren die Folge.
Die Edlen v. Polnicz waren in diesem Grenzbereich reich begütert. Sie zählen zum Uradel der Gegend, d. h. der ritterliche Adelsnachweis konnte schon im 13. Jahrhundert erfolgen. Noch steht aber die Frage offen, woher sie kamen. Waren sie einheimische Stammesedle und spätere Reichsministeriale mit Reichslehen im hiesigen Königsland oder waren sie ursprünglich Ministeriale der Mainzer Kolonisten? Entgegen anderen bekannten Adligen im Orlagau fehlen sie jedoch als Zeugen in den zurzeit bekannten Mainzer Urkunden.

Weitere Literaturhinweise:
1. „Religiöse Bewegungen im Mittelalter“ Festschrift für Matthias Werner zum 65. Geburtstag, herausgegeben von Enno Bünz, Stefan Tebruck, Helmut G. Walther
Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen, Kleine Reihe Bd. 24, Böhlau Verlag 2007
2. „Die Anfänge des Christentums im Gebiet zwischen Saale und Elster“ von Henning Voigt
Erstveröffentlichung in „Zum Burgelin“ Heft 5, 1998 bzw. auf der Homepage von Rudolf Wolfram, Bürgel
3. „Die Entstehung der Landesherrschaft in Thüringen" von Hans Patze, in Mitteldeutsche Forschungen Bd. 22, Böhlau Verlag, Köln/Graz 1962
4. „Die Thüringer Landgrafen“ von Wilfried Warsitzka, Verlag Dr. Bussert u. Stadeler, Jena 2004
5. „Die Anfänge der Thüringer Landesgeschichte“ von Gerhard Wagner, RhinoVerlag, Ilmenau 2008
6. „Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich“ von Petra Weigel, J. Thorbecke Verlag 2003
7. „Thüringen und Thüringer“ im Lexikon des Mittelalters, Band VIII
8. „Chronica Thoringia“ von Volker Pöschel , Anno Domini 2010
9. "Die Frühzeit der Thüringer" von H. Castritius, D. Geuenich, M. Werner, de Gruyter Verlag Berlin 2009

Wolfgang Schuster, Oberpöllnitz 3/2011

 

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