Der Pöllnitzer Brudermord im Jahr 1563

und die Geschichte mit dem Sühnekreuz auf einem Braunsdorfer Acker sowie einem besonderen Stein unter dem Fuß der ehemaligen Windmühle

Vor ungefähr 450 Jahren hatte sich ein Zweig der Adelsfamilie v. Pöllnitz auch in Tischendorf angesiedelt. Die v. Pöllnitz waren uralter Ministerialadel, sprich Beamtenadel und hatten sich in den vergangenen Jahrhunderten im östlichen Orlagau und der ostwärts anschließenden Pöllnitzebene stark ausgebreitet, ihre Besitzungen umfassend vermehrt und ihren politischen und wirtschaftlichen Einfluss bedeutend erhöht. Die Rittergüter reichten bald nicht mehr aus, liest man in den alten Schriften und so erwarben sie auch in dem Dorf Tischendorf einen Adelssitz. Das Gut und Dorf gehörte bis ca. 1582 einem Melchior Dietrich v. Pöllnitz der auch in Braunsdorf noch ein besonderes Hofgut besaß und über seine Untertanen auch die Gerichtsherrschaft ausübte. Später wurde dieses Gut mit dem Rittergut Braunsdorf unter Besitz derer v. Meußebach vereinigt und Tischendorf nach Braunsdorf eingemeindet. Eingepfarrt war es ohnedies schon längst.
Im Jahr 1563 entstand wahrscheinlich unter den Mitgliedern im Familienstamm Ober- u. Mittelpöllnitz, aus dem auch Melchior Dietrich entstammte, ein großer Streit, dessen Ursachen allerdings unbekannt sind. Die Folge jedenfalls war, dass der in Mittelpöllnitz wohnende Caspar v. Pöllnitz seinen Bruder Bernhard v. Pöllnitz auf dem Nachhauseweg nach Tischendorf, hinter dem Ort Braunsdorf, erschoss. Ein Unfall oder war es Mord? Eine eindeutige Klärung konnte nie erfolgen. Caspar v. Pöllnitz besaß das freie Arlasgut in Mittelpöllnitz, jetzt Hof Geßner und Bernhard v. Pöllnitz wohnte bei seinem Vetter Balthasar v. Pöllnitz, dem Vater von Melchior Dietrich, in Tischendorf. Der Mörder ergriff daraufhin die Flucht und musste sich 20 Jahre außer Landes, fern der Heimat und der Seinen, in der Fremde aufhalten. Er nahm Kriegsdienste in den Söldnerheeren des spanischen Königs an. Inzwischen ging sein väterliches Gut beinah zu Grunde und seine Frau mit den Kindern führte ein jämmerliches Leben. Durch Vermittlung seiner einflussreichen Vettern und Freunde beim Sächsischen Landesherrn, Kurfürst August, gelang es endlich 1582, eine Versöhnung zwischen den Familien und den Kindern des Bernhard v. Pöllnitz herbeizuführen. Caspar v. Pöllnitz stellte an den Landesherrn und an die Familie ein demütiges Bittgesuch und konnte durch die Fürsprache vieler Verwandter, vor allem auch aus dem einflussreichen Haus Schwarzbach, vertreten durch Bruno v. Pöllnitz, Fürstlich- Bambergischer Rat und Amtshauptmann zu Senftenberg, die Begnadigung und Erlaubnis erreichen, zu seiner Familie zurückzukehren. Unterschrieben und unterstützt wurde das Bittgesuch von 12 Adelspersonen, vorrangig derer v. Pöllnitz.

Was hat das aber nun mit dem Sühnekreuz und einem Stein zu tun?

Auf der Braunsdorfer Höhe mit ca. 416 Meter über N.N. stand bis vor wenigen Jahren eine Windmühle, ca. 1820 erbaut. Der Bock der Windmühle stand auf festen Steinen, unter denen einer, da er behauen ist, besonders auffiel. Der frühere Windmüller Scheibe erzählte stets, dass dieser Stein ursprünglich ein Denkmalstein gewesen wäre und auf einem Acker gestanden habe zur Erinnerung an einen Brudermord, so sei es ihm von seinen Altvorderen überliefert worden. Dieses obige Ereignis und diese Aussage des Müllers gab nun Heimatforschern der Vergangenheit Veranlassung, der Historie näher auf den Grund zu gehen. Und so stellte der Heimatforscher Herr Heinrich Becker 1936 fest, dass der Acker auf dem der Überlieferung nach der Stein gestanden haben soll, noch vor 125 Jahren der „Kreuzsteinacker“ in den Flurbüchern genannt wurde. Es besteht also Grund zu der Annahme, so schlussfolgert er, dass hier früher ein Kreuzstein oder Sühnekreuz stand und mit einer Inschrift versehen die Stelle bezeichnete, wo der Mord stattgefunden hat. Da der Stein dem Grundstücksbesitzer beim Ackern stets im Wege war, wurde er wahrscheinlich eines Tages entfernt und achtlos beiseite geworfen oder für oben genanntes Mühlenbauvorhaben verwendet. Der Standort des Steins soll in der Nähe der Wegegabelung von Braunsdorf in Richtung Tischendorf gewesen sein.

Das Bittgesuch der Verwandten an den Landesherrn, dem Sächsischen Kurfürst August, 1582 lautet::

„Wir hernach beschriebene vom Adel bekennen nach dem uns bewusst, daß sich im 63. Jahr ein Unfall durch Gottes Verhängnis, Gott sei es geklagt, zwischen den Edlen und Festen Caspar und Bernhard von Pöllnitz, Gebrüdern, den Montag nach Trinitatis auf dem Wege gegen Braunsdorf zugetragen, daß Caspar durch einen Schuss Bernhard entleibet. Weil dann diese Sache sich vor so viel Jahren zugetragen und Gott der Allmächtige Caspar von Pöllnitz bis daher das Leben gegönnet und Wolf Bernhard, der Sohn des Entleibten, seine mündigen Jahre erreicht hat, so haben wir als die Freunde auf Caspars Bitten und Ansuchen Wolf Bernhard zu Bitten vermocht und die Sache dahin bewogen, daß es gegen Gott und sie (die Verfasser) aus angeborener Freundschaft sich christlich und freundschaftlich vertragen wollen, dergestalt und also: erstlich hat Caspar den Wolf gebeten, um Gotteswillen ihm dasjenige, was er an seinem Vater durch diesen Unfall verübet, was ihm gar Leid tut, zu verzeihen und zu vergeben. Das ist von Wolf geschehen und erfolgt. Ferner hat Caspar eingewilliget, in Jahresfrist 50 Gulden zu geben, davon alle Jahre den Altarleuten zu Mittelpöllnitz 3 Gulden gegeben werden sollen auf den Tag Petri und Paul und 3 Gulden auch an etwa vorhandene hausarme Leute in Mittelpöllnitz mit Vorwissen der von Pöllnitz. Wir sind der untertänigen Hoffnung, daß seine Kurfürstlichen Gnaden die Strafe auf Caspar von Pöllnitz untertäniges Ansuchen aus Gnaden fallen lassen. Damit nun diese Beredung von beiden Teilen soll treulich stets fest und unverbrüchlich gehalten werden, so haben wir als die benannten Freunde diesen Vertrag gezwiefacht und mit unsern angeborenen Petschaften bedruckt, auch ein jeder seinen Namen mit eigener Hand unterschrieben.
Geschehen den 14. Juli nach unseres wahren Erlösers und Seligmachers Geburt, im tausend fünfhundert und zwei und achtzigsten Jahr“

Es folgen nun die einzelnen Unterschriften der Beteiligten, u. a: Hans u. Joachim v. P. zu Mittelpöllnitz, Melchior Dittrich v. P. zu Tischendorf, Pancratz u. Hans Dittrich v. P. zu Wittchenstein, Hans Wilhelm v. P. zu Sorna und andere Adlige.

Der damalige Kurfürst August ließ sich durch diese Bittschreiben auch bewegen, ihn gänzlich zu begnadigen und wies seine Räte an, durch ein entsprechendes Schreiben diese Begnadigung zu veröffentlichen. (Das Schreiben vielleicht später!)

Erarbeitet von Wolfgang Schuster, Oberpöllnitz 12/2008

 

Braunsdorfer Windmühle ca. 1930

 

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