Ostthüringische Besiedlungzeit
Besiedlungshistorische Darlegungen für Thüringen und Sachsen im Allgemeinen und für Ostthüringen und das Thüringer Vogtland im Besonderen
Teil I.1 Politisch - Militärisch
Das Reich der Thüringer, gebildet ca. Mitte 4. Jh, währte in seiner Selbstständigkeit nicht lange. Im Jahr 531 erlitten sie gegen die Franken, mit den nördlich lebenden Sachsen im Verbund, in der Schlacht an der Unstrut, möglicherweise bei Burg-Scheidungen, ihre historische Niederlage. Damit endete für immer die Eigenständigkeit der Thüringer und es erfolgte eine Eingliederung in das Reich der Franken. Erst relativ lose und frei, später Ende 6. Jh. und vor allem dann im 7. Jh., entwickelte sich eine festere Bindung, verstärkten die Mainfranken ihren Einfluss und schwächten die thüringische Selbstständigkeit. Das Land wurde zur fränkischen Grafschaft degradiert und verlor auch noch die Nordregion an die Sachsen. Die Gebiete östlich der Saale wurden im 7. Jh. aufgegeben und es kam hier zur Einwanderung wendisch - sorbischer Stämme, der Slawen. Die Saale, unser wichtigster Heimatfluss, war auch in der folgenden fränkischen Karolingerzeit (750 - 900) der Grenzfluss zwischen Thüringern und Slawen. Thüringen ein Herzogtum, Teil des Ostfränkischen Reiches und die Slawen jenseits der Elbe, Saale, Elster und Pleiße, mehr und mehr bedrängt durch fränkische Eroberer, geraten ebenfalls, wenn auch noch lose, unter fränkische Oberherrschaft. Ende des 9. Jh. und vor allem im 10. Jh. ist diese Entwicklung im Wesentlichen abgeschlossen. Unter dem sächsischen Herzog Heinrich und späteren deutschen König Heinrich I. († 936), der Städtegründer, und auch danach unter seinem Sohn Kaiser Otto I., der Große (912 - 973), sind die deutschen Eroberer die Elbe aufwärts bis in den Raum Dresden und in die Lausitz gekommen. Heinrich I. gründet um 930 die Burg Meißen. Markgraf Gero festigt im Auftrag Kaiser Otto I. diese Gebiete und errichtet die so genannte Ostmark. Nach dessen Tod 965 wird diese Mark durch den Kaiser in 5 Gebiete zerlegt und es entsteht unter anderem die Mark Meißen mit Wigbert als ersten Markgrafen. Er und später Ekkehard I. schufen die Grundlagen für die Herrschaft der Markgrafen von Meißen, der Vorgänger der sächsischen Kurfürsten und Könige aus dem Hause Wettin. Slawische Siedler drangen aber auch über die Saale nach Westen vor, bis in die Gegend von Erfurt, Arnstadt, Saalfeld, Hof und Kulmbach. Dort verschmolzen sie allmählich mit der thüringischen und fränkischen Bevölkerung. Eventuell wurden sie auch bewusst von deutschen Grundeigentümern dahin angesiedelt. Als jedoch das freiweltliche Stift zu Quedlinburg am 26.4.999 durch eine in Rom ausgestellte Schenkungsurkunde des Kaisers Otto III. (980 - 1002) in den Besitz der Geraer Gegend gelangte, da war von einem kirchlichen Mittelpunkt hier in der Sorbenmark, östlich des alten „Sorben - Limes", der Saale, noch nicht im Entferntesten die Rede. Im Gegenteil, slawische Gegenangriffe waren sehr erfolgreich und 1028 verlegte sogar der Zeitzer Bischof Hildeward (1003-1030) seinen Sitz wegen der Sorben- u. Wendengefahr, nach Naumburg, an die weit sicherere Saalelinie. Erst nach dem Jahr 1150 waren es deutsche Ritter und Bauern, die ihre Lebensweise und ihren christlichen Glauben nach dem kolonisierten slawischen Osten trugen, hier in unsere Heimat. Mit der Eroberung der slawischen Gebiete, aufwärts der Elbe, Saale, Pleiße und Elster und der Festigung der militärischen Macht, setzte auch eine enorme politische Inbesitznahme und christliche Glaubensexpansion in diesen Gebieten ein. Das heißt, unsere Heimat im engeren Sinn, Ostthüringen und das Thüringer Vogtland, wurde durch sächsische Könige und Kaiser aus dem Hause der Ottonen, vom Osten her unter deutsche Oberherrschaft gebracht. Thüringen wird zu einem Binnenland des Reiches. Es ist nicht mehr Grenzland zum slawischen Osten.
Die Ausbreitung des christlichen Glaubens
Teil I.2 Christianisierung
Kaiser Otto I., der Große (912 - 973), der Begründer des mächtigen Geschlechts der Ottonen, legte den Grundstein für das Heilige Römische Reich deutscher Nation. Mit ihm setzte Mitte des 10. Jh. ein Neubeginn der Konsolidierung der Zentralmacht ein, gestützt auf die Zusammenarbeit mit der Geistlichkeit und Macht der Kirche. Die Zeiten vor seiner Machtergreifung waren in Europa gekennzeichnet von blutigen familienpolitischen Kriegen, oft wechselnden Herrschergeschlechtern und auch die Kirche büßte geistliche Autorität ein. Der sächsische Herzog Heinrich und spätere deutsche König Heinrich I. († 936), Otto`s Vater, gilt als der Städtegründer schlechthin. Während seiner regen Ostexpansion lässt er an den entscheidenden Punkten der Flüsse stromaufwärts Wehrburgen errichten. Besonders bekannt wurde die Saale mit ihren Burgen oder die für uns später so bestimmende, um 930 errichtete Wehrburg Meißen. Im Jahr 936 wurde Otto I. zum König gekrönt. Schon ein Jahr später gründete er im September in Magdeburg, Ottos Hauptsitz, ein Kloster, das dem heiligen Mauritius, dem Bekämpfer der Heiden geweiht wurde. Damit wurde die Stadt zum Ausgangspunkt für seine Osterweiterungen. Denn Hauptanliegen seiner Aktivitäten war vor allem die Missionierung der Ostgebiete und die weitere Verbreitung des Christentums. Mit der engeren Bindung der Kirchen an die Krone nahm die Herausbildung des Reichskirchensystems ihren Anfang. Vorbild waren die Karolinger (750 - 900), die die Kirchen mit reichen Gütern ausgestattet hatten und dafür militärischen Schutz und ökonomische Leistungen in Anspruch genommen haben. Die Ostexpansion und die gesteigerten Machtansprüche zur weiteren Eingliederung und Unterwerfung der slawischen Gebiete verstärkte sich nach Ottos Siegen über die Ungarn in der Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg und der Schlacht gegen die Elbslawen an der Regnitz, beide im Jahr 955. Nun, wie schon im Teil I. erwähnt, teilt der im Jahr 962 zum Kaiser gekrönte Otto I. nach dem Tod des Markgrafen Gero (965) die große Ostmark in fünf kleine Marken mit jeweils einer Burg im Zentrum, so genannten Burgwarde. Als Stützpunkt für die nun einsetzende Christianisierung dieser Ostgebiete wurde das Magdeburger Kloster gewählt. Um dessen geistliche und territoriale Macht zu stärken, versuchte der Kaiser in Magdeburg durch den Papst Johannes XIII. (P: 965-972) ein Erzbistum errichten zu lassen. Nach anfänglichen Hindernissen gelang ihm dieser Schachzug im Jahr 968. Neben den Bistümern Brandenburg und Havelberg, die aus dem Bistum Mainz ausgegliedert wurden, kamen jetzt noch die Neugründungen Merseburg, Zeitz und Meißen zum Erzbistum hinzu. Slawische Gebiete, die später noch erobert und missioniert wurden, ordnete man ebenfalls Magdeburg zu. Um die Wende des 1. Jahrtausend erhielt das religiöse Leben im Abendland neue Impulse und entfachte besondere Begeisterung, auch hervorgerufen durch die Gründung neuer Mönchsorden. In der Regel waren es in der Vergangenheit meist angelsächsische Benediktiner Mönche, wie Wigbert († 738) und Winfried (Bonifatius † 755), die in Franken bisher Kapellen und Klöster gründeten. Nun, fast 400 Jahre später, nach dem Tod der bekannten Glaubensbekehrer und der gefestigten militärischen und politischen Macht in den ehemaligen slawischen Ostmarken und speziell während der Zeiten der Kreuzzüge, waren es meist Kirchenfürsten und Adlige. Sie gründeten vorzugsweise so genannte Hausklöster, wie wir sie in Thüringen von den konkurrierenden Grafenfamilien als Stifter kennen.
Oberpöllnitz Teil I.
Teil I.3 Das Dorf Oberpöllnitz
Albert Schiffner schreibt 1840, S. 611 in seiner "Beschreibung von Sachsen":"Oberpöllnitz nebst Stein-, Buch- u. Mühlpöllnitz hat 410 Einwohner und eine Kirche mit zugehörigem Kirchspiel. Es liegt am Anfange der Pöllnitz und an der Weidaischen Straße, 1/4 Meile nordöstlich von Triptis. Der Ort hat ein rundes burgmäßiges Schloß, treffliche Schäferei, 1 Mühle und 1 Ziegelei. Stammort eines berühmten Adelsgeschlechtes. Das anstoßende Mittelpöllnitz, mit Kirche und 220 Einwohnern, hat ein besonderes Ritter- oder Arlasgut, 1 Postexpedition, 1 Chausseehaus, 1 wichtigen Gasthof, 1 Mühle u.s.f."
Der Ort im Jahr 2000 und heute, 20 Jahre nach der Wende:
Noch immer ein typisches DDR-Dorf, seit der Eingemeindung 1952 nach Triptis oftmals 5. Rad am Wagen der Stadt. Inzwischen umgeben von Gewerbeansiedlungen mit seinen Vor- und Nachteilen, der Autobahn A9 und der neuen B 281. Gleichgültig, aus welcher Richtung der Wind weht, wir atmen Abgase und Feinstäube und ertragen den Lärm. Beeinflusst früher und heute von Alt- und Neubauern mit klassischem LPG-Niveau der alten Schule und zusätzlich noch "Hinterpfälzer" Pollakei. So gibt es liederliche bzw. verwahrloste Wirtschaftsflächen im ganzen Dorfbereich und vor allem im nördlichen Dorfbereich zwischen Siedlerstraße und Storchennest. Hier erfolgt auch kein offizieller Winterdienst. Billigst geführte Tierweiden bestimmen Teile dieser Ortslage, in der auch Urlauber, Gäste, Reiterfestbesucher oder Wanderer des internationalen Wanderweges umher gehen müssen. Inzwischen auch thüringische Hochburg für tödliche Pferdeunfälle. An fast allen Zufahrtsstraßen des "Urlauberdorfes" erlebt der Besucher verwahrloste oder ungepflegte Grundstücke. Staatliche Verschönerungen gab es bisher nur am Friedhof bzw. durch angestrengte Eigeninitiative privater Grundstücksbesitzer. Neuerdings erfolgte nun doch endlich die Sanierung des Jahrzehnte stinkenden Dorfteiches und die Errichtung eines schönen Spielplatzes. Wir haben 3 Stadträte im Dorf wohnen und wozu?
Jürgen Reinholz, Thüringer Wirtschaftsminister sagte ganz richtig: "Was nützt uns der sauberste Gasthof, wenn das Umfeld verwahrlost?"
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Der Ort Polnicz wurde in einer alten Urkunde der Vögte von Weida vom 29.12.1238 schon erwähnt (Dobenecker Bd. III. S. 766). Ob Ober-, Mittel- oder Niederpöllnitz gemeint war, ist noch nicht erwiesen. Grundsätzlich gelten diese drei Orte als slawische Ortsgründungen und können damit im Ursprung auf das 8./9. Jh. zurückgeführt werden. Dörfer mit der Endung -itz in unserer Umgebung, sind eigentlich sorbische Siedlungsnamen. Als die Wenden und Sorben in der Zeit von 600 bis 800 unaufhaltsam vom Osten her über die Elbe vordrangen, kamen auch einzelne Sippen in unsere Gegend und ließen sich hier an geeigneten Plätzen nieder. Dies geht sowohl aus dem Namen des Ortes als auch seiner Anlage hervor. Viele frühere Ortsnamen lassen auch auf die Gründung durch eine Sippe schließen und der Name des Stammesältesten ging in den Dorfnamen ein. Üblich war es allerdings, dass die Sippendörfer in alter Zeit ihre Namen regelmäßig mit dem Namen des Sippenvaters wechselten. Aber nach und nach erhielten diese ältesten Niederlassungen feste Dorfnamen nach der mächtigsten Sippe oder auch nach der Lage des Ortes. Außerdem zeigt auch die Anlage eines Dorfes, wessen Gründer hier vorherrschten. Sorben und Wenden bauten zumeist ihre Dörfer in Rund- bzw. Hufeisenform, in deren Mitte sie freie Plätze oder Teiche anlegten oder Sumpf- und Teichlandschaft an einer Dorfaußenseite zum Schutz nutzten.
Johannes Rothe schreibt in seiner "Thüringischen Landeschronik": "Die edlen Herren empfingen ihre Namen von den Orten, an denen sie sich ansiedelten. Aber die Dörfer erhielten ihre Namen von denen, die den Acker zuerst bebauten."
Ohne Zweifel war Niederpöllnitz der slawische Hauptort in der Pöllnitz-Senke, besonders wenn man die Ansiedlung des Geschlechtes derer v. Pöllnitz in Betracht zieht. Wo in Oberpöllnitz der slawische Kern zu suchen ist, muss noch genauer untersucht werden. Ich vermute ihn im Bereich des Pöllnitzbaches/ Pöllnitzweges bis zu den ehemals 3 Teichen der heutigen Dorfteichanlage und dem dortigen alten Dorfplatz mit seinem Brunnen. Hier stand auch ein ehemaliger Gutshof, einer der ältesten Höfe des Ortes überhaupt. Man beachte auch den Durchgang der ehemaligen Handels- und Poststraße von Saalfeld, Neustadt über Döblitz nach Mittelpöllnitz im Ort. Sie kam vom Döblitzer Weg, führte durch den Pöllnitzweg, der ehemaligen Jüdengasse, über Stein-, Buch- u. Mühlpöllnitz, zur bedeutenden alten Handels-, Heer- und Poststraße Nürnberg, Hof, Leipzig.
Als um die Jahrtausendwende die Markgrafen ihre adligen Gefolgsleute in unserem Raum mit größeren Gütern belehnten, lebten hier entlang des Pöllnitzbaches schon die Sorben in ihren Weilern. Um das entstehende Rittergut herum bildete sich allmählich das deutsche Dorf. Die Siedlungsrunde Am Alten Dorfanger ist neueren Datums und gehört in die Ansiedlungsepoche deutscher Bauern im Sorbenland. Ich bezeichne diesen Bereich als planmäßig gegründetes, separates Platzdorf, mit Anger und Gemeine, Teich, Triften, Hausgelänge sowie jeweiligem Landbesitz von ca. 1 Hufen. Die systematische Anordnung lässt eine ordnende Hand erkennen. Alle Grundstücke hatten nahezu gleiche Größe und wurden sicher mit Umzäunungen abgegrenzt, die einen gleichzeitigen Schutz gegen Überfälle bildeten. Siehe nachfolgende vergleichende Bilder der Dorfstruktur. Unterstützend für diese These gilt auch die Lage der Kirche und des Rittergutes außerhalb der beiden alten Dorfkerne auf einem Hügel. Der erhabene Standort lässt sie größer erscheinen als sie sind. Das Schloss und die Kirche bestimmen das Landschaftsbild der oberen Pöllnitzsenke. Auch ist die erste Schule 1670, gefördert vom Patron Hans Christoph v. Pöllnitz, d. Jüngere (1638 - 1680), auf diesem alten Dorfanger vor dem Hof Biehl errichtet worden und ebenfalls die späteren Handwerker- u. Häuslergebäude sowie das Gemeindehaus, weil das Gelände Lehnsgut war oder aber zur Gemeine gehörte.
Wahrscheinlich ist unser Ober-Dorf, gleichbedeutend mit neues Dorf im Gegensatz zu Unter- bzw. Nieder-Dorf = alte Siedlung, von Anfang an eine deutsche Siedlung und hat den Namen in Anlehnung an die benachbarten Sorbenweiler bzw. Pöllnitz-Siedlungen oder in Bezug des genannten einheimischen Adels erhalten. Unterstützung findet diese meine These in der hier vorherrschenden Flureinteilung. Die Höfe am alten Dorfanger besitzen Gelängeteilung (fränkisch) bis zu den jeweiligen Flurgrenzen und liegen im westlichen Halbkreis (süd-west-nord) um diesen Siedlungspunkt. Das Rittergut hatte im wesentlichen Blockflur im östlichen Halbkreis (süd-ost-nord) und damit in den Siedlungsweilern der Sorben. Diese Aussagen sind aber nur meine Vermutungen. Die Tatsachen müssten noch genauer erforscht werden!
In alten Veröffentlichungen (z. B. Stemmler: Pagus Orla) wird immer darauf verwiesen, dass Oberpöllnitz zum ehemaligen Orlagau gehörte und die alte Wehrburg als Grenzbefestigung des östlichen Orlagaus nach der 1. deutschen Eroberungswelle (10./11. Jh.) errichtet wurde. Als Schutz gegen die Sorben und zu deren Unterwerfung und als Sicherungsanlage zum Schutz des kaiserlichen Reichsgutes zu dem unser Gebiet gehörte. Ausgangspunkt der fränkisch-deutschen Eroberungen und der damit verbundenen Christianisierung des Pagus Orla war erwiesenermaßen Saalfeld. Ob das auch immer für die Pöllnitz-Orte zutrifft, bleibt dahingestellt. Sicher ist, dass das Ministerialen-Geschlecht derer v. Polnicz großen Landbesitz in zahlreichen Orten außerhalb des Pagus Orla besaß und den Vögten von Weida sehr nahe stand. Für die Vögte waren die kriegerischen und politischen Niederlagen von entscheidender Bedeutung. Sie gingen der unmittelbaren Reichslehen verlustig und verloren letztlich die Herrschaften Weida 1427 und Plauen 1466. Mit den Vögten verloren auch ihre treuesten Freunde und Helfer Besitz und im Kampfe das Leben, z. B. Glieder der einflussreichen Familie von Pöllnitz, die viele vogteiliche Urkunden als erste Zeugen mit beurkundet hatten. Deshalb vielleicht auch der Verlust des Stammbesitzes Niederpöllnitz 1438 und die Verlagerung des Hauptsitzes nach Oberpöllnitz. Hier hatte man ja die alte Burg um 1414 zu einem Rundschloss erweitert. (Deshalb stelle ich erneut die Frage in den Raum: Waren die v. Pöllnitz Ministeriale der Vögte von Weida oder der Grafen von Lobdeburg/Arnshaugk oder waren sie reichsritterliche, freie unmittelbare Reichsministeriale? Denn wir dürfen nicht vergessen, der obere Orlagau und darüber hinaus die östlichen Territorien wurden durch Kaiser Barbarossa (K: 1155 – 1190) wieder Reichsgut.)
Die dörflichen Wehranlagen oder Burgen gehörten zu den Ministerialen, die sich zum niederen Adel entwickelten und die Grundherrschaft trugen. Somit waren die Rittergüter Träger der regionalen, strukturierten Gliederung, ausgerüstet mit landesherrlichen Lehen und der niederen Gerichtsbarkeit. Da das Rittergut in Oberpöllnitz fast ausschließlich seinen Grundbesitz nordwestlich, nördlich, östlich und südöstlich der Gemarkung hielt, möchte ich mir die Bemerkung erlauben, dass es mit dessen Bildung auch eine bäuerliche Ansiedlung gegeben haben muss. Möglicherweise war der Pöllnitz-Adel doch ein Ansiedlungsadel aus dem main-fränkischen Raum der seine Siedlungsbauern mitgebracht hat. Es zeigt sich recht deutlich die Gutsblockflur des Rittergutes gegenüber der Gelängeflur der meisten Bauernflächen. Diese Gelängestruktur wird von Fachleuten als fränkisch-altthüringisch betrachtet und ist jüngeren Datums als die Gutsblockflur. Wie oben schon angeführt, können Ortsnamen auch durch ihre Lage im Gelände entstanden sein. So ist zu vermuten, dass die Namen der Pöllnitz-Dörfer sich ableiten vom Pöllnitzbach, der sie durchfließt und der auch der umgebenden Senke zwischen Triptis und Weida ihren Namen gab. Das ist slawische Namensgebung, die zweifellos auch auf ältere Namensbezeichnungen (keltisch - germanisch) fußen kann. Slawisch polnica = Feld/Acker, möglich aber auch Pohle = Bach im offenen Gelände.
„Man kann bei der Erklärung von Ortsnamen nicht allein von geschriebenen Aufzeichnungen ausgehen, da Erstbesiedler ihren Wohnplatz nach bestimmten Geländeeigenschaften bezeichneten und diese Ortsbenennungen ursprünglich nur mündlich weiter transportiert wurden. Neue Einwanderer gaben jedoch nur das Klangbild und nicht den Sinn der Bezeichnung weiter. Und sie haben den Klang ihren eigenen Lautformen entsprechend verändert. Die aus geschichtlicher Zeit bekannte Bezeichnung Osterland, meint der Namensforscher Obermüller, sind keinesfalls slawisch, denn das Osterland heißt nicht so, weil es im Osten liegt, sondern ist eine Übernahme des Keltischen uast + er, gleich bedeutend für Wald, großer ...“. Entnommen aus: „Keltische Wurzeln in europäischen Sprachen“, von Gerh. Joachim Richter, Leipzig 2002, Antonym-Verlag.
Ober-Pöllnitz könnte also durchaus ein Ort sein, der nach der Besitzname des Sorbenlandes sich im Schutz der Wehrburg durch deutsche Bauernsiedler entwickelt hat und in Anbetracht des Grundherrn oder der Namensumgebung seinen Namen erhielt. Man denke nur an die im 13. Jh. in Urkunden gefundene einfache Ortsbezeichnung Polnicz. Die zwei Kernsiedlungen im Ort habe ich genannt. Alle anderen Dorfstrukturen entstanden zu späterer Zeit und waren der Ansiedlungsstrategie des Grundherrn und der allgemein einsetzenden Industrialisierung geschuldet. Gegen Ende des 17. Jh. beginnen sich allmählich Handwerk und Gewerbe in den Dörfern zu vermehren. Neben den Patronatsfamilien, Rittergutspächterfamilien, den Familien des Pfarrers und des Kantors sowie den Bediensteten des Gutes wie Hofmeister, Jäger, Gärtner, Kutscher, Knechte u. Mägde, findet man jetzt in den meisten Gemeinden eine Schänke, einen Müller, einen Bäcker, einen Waffen- u. Hufschmied, einen Zimmermann, einen Maurer, einen Böttcher, einen Schneider, einen Schuster, einen Sattler, einen Seiler, Hirten, Schäfer und Schafknechte, aber auch Leineweber, Zeugmacher, Zeugwirker, Hutmacher u. a.
So ist die Ansiedlung besessener Bauern oder Hüfner und später (17. bis 19. Jh.) auch Gärtner, Häusler, Hintersassen und Hausgenossen durch Abgabe von Rittergutsland und/oder Erbauung von Kleinsiedlerhäuschen Ursache für die Erweiterung der dörflichen Struktur. Das trifft insbesondere zu für die Kernbebauung Am Alten Dorfanger, für die Bauten in der Dr.-Wilh.-Külz-Str. und für Stein- und Buchpöllnitz. Sie arbeiteten vorwiegend als Handwerker, Tagelöhner und Handfröner, im Interessennutz der ökonomischen Stärkung der Rittergutsabläufe. Die Hälfte dieser Dorfbewohner, in abgelegenen Orten weit mehr als die Hälfte, war vermögenslos, lebte also vom Tagesverdienst, von Naturaleinkünften aus Kleinstbodenbesitz und Kleintierhaltung.
Schwer hatten es unsere Bauern in damaliger Zeit. Sie waren zinspflichtig den Kirchen, den Klöstern, den Rittern, den Städten, dem betreffenden Amt zu dem sie gehörten u.a. Dazu kamen noch Frondienste für dieselben. Es gab Amtsfron, Rittergutsfron, Kirchen- u. Klosterfron, Stadtfron ... und es bestand auch noch der sogenannte Gesindezwang oder Zwangsdienst. 1416 müssen fast alle umliegenden Gemeinden Zinsen und Abgaben zahlen an die Herren v. Pöllnitz auf Ober-, Mittel- u. Niederpöllnitz und zwar Geld, Getreide, Hühner, Wachs ... Sehr bedrückend war auch der Gesindezwang. Das heißt, niemand durfte sich anderweitig zum Dienst verpflichten, alle mussten wenigsten 2 Jahre dem Gerichtsherrn dienen. Auch waren die Zinsbauern die öffentlichen Knechte des Gerichts und mussten als Büttel oder Henker Gerichtsfrone leisten, bis sie sich später, Mitte des 19. Jh. durch Zahlung eines Geldbetrages davon freimachen konnten.
Neben den Zinszahlungen und dem Fronen stand auch noch die Wehrpflicht als eine bedrückende Last für den Bauern. Die Dorfbewohner waren grundsätzlich wehrpflichtig und auch regelmäßige Musterungen wurden abgehalten. Die Dörfer hatten im Kriegsfalle sogenannte Mannschaften mit vorgegebener Bewaffnung zu stellen. Das konnten sein: Langrohre, Hellebarden, Federspieße, Langspieße, Knebelspieße, Äxte u.a. Waffen. Die Bauern mussten aber auch Heerwagen mit tüchtigen Pferden und allem Zubehör stellen. So gerüstet ging man z. B. dem 30 - jährigen Krieg entgegen.
Fortsetzung erfolgt in Teil II. W. Schuster 12/04 – Letzte Überarb. 12/2011
Berichtigungen und Ergänzungen sind erwünscht!
Dorfstruktur 1854
Die angezeigte Dorfstruktur von 1854 lässt deutlich das westlich des Rittergutes gelegene deutsche Platzdorf vielleicht auch Angerdorf erkennen. Die Gemeine ist noch nicht bebaut und der ehemals vorhandene Teich erkennbar. Auch verlief vor den Bauernhäusern der Nordseite noch eine Straße und war ein Dorfbrunnen vorhanden. Das jetzt bekannte Pfarrhaus ist in dieser Form noch nicht vorhanden, sondern kleiner und die Bauernhöfe haben auch noch nicht diese großflächige Ausbaustufe. Man muss auch in Betracht ziehen, dass die Lehn- u. Patronatsabhängigkeit gerade erst laut kursächsischem Gesetz abgeschafft wurde. Im Folgenden konnten sich die Bauern wirtschaftlich erholen, teilweise vergrößern und neue Hof- u. Wirtschaftsgebäude errichten. Interessant ist die Darstellung des Rittergutshofes. Der geschlossene Hofbereich ist noch nicht vorhanden. Es fehlen noch das heutige große Pächter- u. Verwalterhaus, der gewaltige 1902 errichtete Kuhstall und die Wagenremisen. Das Schloss wird erstaunlicherweise nicht als Rundschloss dargestellt. Im Dorfbild fehlen ebenfalls noch die später angesiedelten Handwerker-, Häusler- u. Tagelöhnerhäuser. Deutlich erkennbar in der Fluraufteilung ist die schon im Vortext genannte Hausgelängestruktur. Genauere Forschungen zur Dorfentwicklung müssten noch erfolgen. Auch dazu, wann die Besiedlung des Pöllnitzweges, der ehemals sogenannten Jüdengasse, mit den großen Bauernhöfen erfolgte.
Zum Vergleich der gezeigten Karte, nachfolgend noch eine ähnliche Karte aus dem Jahr 1854 und im Folgenden die neuere Dorfstruktur aus dem Jahr 1909.
Dorfstruktur 1854
Dorfstruktur 1909
In dieser Darstellung sind die Dinge, die ich im ersten Bild noch als fehlend bezeichnet habe, nun vorhanden und die Gebäudeanzahl im Dorf ist wesentlich erhöht. Nun ist auch die Fabrik eingezeichnet, die Schule, der Friedhof etc.



